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Nervennaht - Nervenschwäche



Nervenschmerz

(Neuralgie) im Gegensatz zu Schmerzen überhaupt, die ja alle durch Nerven vermittelt werden, eine solche Schmerzhaftigkeit, bei welcher anatomische Veränderungen oder nachweisbare Erkrankungen am Nerv nicht vorhanden sind. Am häufigsten werden vom Nervenschmerz die Empfindungsnerven des Gesichts (s. Migräne), der Augenbrauen- und Stirn- oder Schläfengegend befallen (s. Gesichtsschmerz), nächstdem die Beinnerven (s. Hüftweh), aber auch an allen übrigen Empfindungsnerven wird zuweilen Nervenschmerz beobachtet.

Unter den Ursachen der eigentlichen Neuralgie ist Überanstrengung und Erkältung am häufigsten, seltener entsteht Nervenschmerz infolge von Vergiftungen durch Quecksilber, Blei, Kupfer, durch Sumpffieber, oft ist die Entstehung unbekannt. Bei den meisten Neuralgien kann man zwei Arten des Schmerzes unterscheiden, nämlich einen anhaltenden, durch Druck vermehrten, auf umschriebene Punkte einer Nervenbahn beschränkten, nicht sehr heftigen, aber lästigen Schmerz und einen in Anfällen auftretenden, von jenen Punkten nach dem Verlauf des Nervs ausstrahlenden, überaus quälenden und fast unerträglichen Schmerz.

Die Kranken geben gewöhnlich an, daß der Schmerz nicht an der Oberfläche, sondern in der Tiefe sitze; gewöhnlich sind mehrere Zweige eines Nervenstammes, aber nur selten alle Zweige eines Nervs an der Affektion beteiligt. Nicht selten breitet sich der Nervenschmerz von einem Nerv auf einen andern aus, welcher nicht denselben Ursprung hat. Manchmal werden im Verbreitungsbezirk des von dem Nervenschmerz heimgesuchten Nervs Unregelmäßigkeiten der Blutverteilung sowie der Sekretion und der Ernährung beobachtet, ohne daß es bekannt wäre, wie die krankhafte Erregung der sensibeln Nerven sich auf die Gefäßnerven überträgt. Im Beginn neuralgischer Anfälle bemerkt man bisweilen, daß die Haut bleich wird, noch häufiger auf der Höhe der Anfälle, daß sie sich rötet, daß die Absonderung der Nasenschleimhaut, die Thränen- und Speichelsekretion vermehrt wird.

Bei manchen Neuralgien, namentlich denjenigen der Zwischenrippennerven, entwickeln sich im Verbreitungsbezirk der kranken Nerven eigentümliche Ausschläge (Herpes zoster). Der Verlauf der Neuralgien ist bis auf diejenigen Formen, welche unter dem Einfluß der Malaria entstehen, ein chronischer. Derselbe ist fast niemals ein gleichmäßiger, sondern es wechseln Verschlimmerungen und Nachlässe der Krankheit ab. Zuzeiten wiederholen sich die Schmerzanfälle häufiger und erreichen eine bedeutendere Höhe, zu andern Zeiten kehren sie seltener wieder und sind weniger heftig.

Bei den durch Malaria bedingten Neuralgien kehren die Schmerzanfälle zur regelmäßigen Stunde wieder. Die Dauer des Schmerzes kann sich auf Jahre erstrecken, doch wird eine direkte Gefahr für das Leben durch den Nervenschmerz allein nicht gegeben; nur kann dauernde Schlaflosigkeit, durch den Nervenschmerz hervorgebracht, zur Entkräftung führen. Die Behandlung ist ableitend durch Blasenpflaster, Veratrinsalbe, Schröpfköpfe etc. oder allgemein bei rheumatischem Nervenschmerz, wo römische Bäder, Schwitzkuren, Knetkuren empfehlenswert sind; bei Malaria hilft Chinin, gegen die Schmerzen nach Vergiftungen Opium, später Schwefelbäder. Zur Betäubung wirkt vorzüglich das Morphium. Zur dauernden Heilung wendet man neuerlich die Nervendehnung (s. d.) an. Schmerzen, welche durch erkennbare Krankheiten des Nervs oder Geschwülste und fremde Körper oder Druck innerhalb enger Knochenkanäle hervorgerufen werden, sind dem Nervenschmerz sehr ähnlich, sie erfordern örtliche Behandlung, besonders Entfernung des Druckes durch Operation.

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